Leseprobe

zum Kinder-Fantasy-Roman


„Das Gewand – Die Macht der verborgenen Welten“


von


Ingrid Angelika Müller

Genre: Kinderbuch / Fantasy / ab 10 Jahren

Umfang der Leseprobe: ca. 7 Normseiten


Gesamter Roman: ca. 67 Normseiten 



 

Kontakt:


Ingrid Angelika Müller


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Kurzinhalt:


Kinder aus aller Welt erhalten eine geheimnisvolle Einladung. Der Bote, ein sprechender Rabe namens Rumpi, der im Auftrag der Mondin unterwegs ist. Sie ruft die Kinder auf, gemeinsam ein neues Gewand für die Erde zu weben, aus Licht, Farbe und Mut.


Diese Leseprobe enthält Kapitel 2 („Der Ruf der Kinder“) und den Anfang von Kapitel 3 („Ankunft bei Jaro“). 



 

Kapitel 2 – Der Ruf der Kinder

Als Rumpi auf das funkelnde Universum hinausblickt und an all die Kinder denkt, die er erreichen soll, überkommt ihn ein Flattern im Bauch – nicht vom Flug, sondern von der riesengroßen Frage: Wie soll ein einziger Rabe das bloß schaffen? Er sieht die Mondin zweifelnd an. „Wie soll ich das denn nur allein schaffen? So zahlreich ist die Kinderschar auf Erden. Ein paar sitzen wohl gerade noch auf ihren Schaukelpferden …“
Er flattert von seiner Stange, landet klapprig auf dem Boden und beginnt aufgeregt auf und ab zu watscheln.„Und manche … ach du meine Güte, manche essen vielleicht gerade Brokkoli – freiwillig! Da kann doch kein Zauber durchkommen!“
Er bleibt stehen, legt den Kopf schief und schaut die Mondin an, als hätte sie ihm gerade befohlen, den ganzen Himalaya mit einem Zahnstocher abzutragen.
„Ich bin ein Rabe, kein Allzweck-Zauberapparat! Mein Zauberschnabel ist leicht verrostet, und ehrlich gesagt: Meine letzte große Magie liegt auch schon zwei Vollmonde zurück. Damals hab ich aus Versehen einen Kürbis in einen singenden Wackelpudding verwandelt … der konnte nie wieder aufhören zu jodeln!“Er seufzt tief, so tief, dass sogar eine Kerze neben ihm flackert.
„Und was, wenn die Kinder keine Lust haben? Wenn sie lieber TikTok tanzen, statt durch Sternentore zu hüpfen? Oder was, wenn der Zauberreis nicht reicht? Ich hab vorhin ein paar Körner aufgepickt, weil ich dachte, das wäre ein Mitternachtssnack …“ Dann setzt er sich auf seinen Rabenschwanz, plustert sich ein bisschen auf und murmelt:
„Ich bin alt. Meine Flugfedern quietschen bei Nordwind. Ich krächze im Dreivierteltakt. Und ich hab chronischen Glitzerstaub-Husten. Wie soll ich da bitteschön Kinder aus allen Ecken der Erde herbeizaubern?“ Doch dann blinzelt er zur Mondin hinüber sieht das zarte Leuchten in ihren Augen, diesen stillen, hoffnungsvollen Glanz. Und sein kleines Rabenherz macht einen Hüpfer. Vielleicht … nur vielleicht … war da doch noch ein Funke Raben-Magie übrig. Rumpi hüpft entschlossen zum Höhleneingang, wo der riesige Reissack wie ein schlafender Drache liegt. „Na gut“, murmelt er, „dann wollen wir mal Magie in Kohlenhydrate verwandeln …“

Mit einem zeremoniellen Kopfnicken – das mehr wie ein unkontrolliertes Kopfwackeln aussieht – beginnt er, den Reis mit seinen Flügeln zu umkreisen:

„Reislein weiß, Reislein fein,
bring die Kinder schnell herein.
Ob mit Latzhose oder Krone,
schnell herauf zur Mondenzone!“

Plötzlich beginnen die Reiskörner zu glitzern! Erst zaghaft, dann wie ein ganzes Feuerwerk an Glimmer.Rumpi stutzt. „Oh! Das hat ja tatsächlich funktioniert!“ Er pickt stolz ein Körnchen auf – und zack! – mit einem leisen „Poff!“ verwandelt sich sein rechter Fuß in eine leuchtend pinke Gummistiefelspitze.„Ääh … was zum Schnabel?!“ ruft er entgeistert, während er auf einem Bein im Kreis hüpft. Der Stiefel quietscht bei jedem Schritt wie eine aufgeregte Maus auf Seifenboden. Er flattert aufgeregt zu Großmutter Mond.„Also, gute Nachricht: Der Zauber wirkt. Schlechte Nachricht: Ich bin jetzt offiziell die erste Raben-Gummistiefel-Mischung des Universums.“ Die Mondin lacht leise in sich hinein, ihre Schultern wippen sanft, und ein kleines Sternchen kullert ihr aus dem Augenwinkel. „Rumpi, du bist und bleibst mein Lieblingszauberer – selbst mit Schuhgröße 38,5 in Neon-pink.“Doch der Rabe ist nicht zu bremsen. „Ich mach weiter! Jetzt erst recht! Ein bisschen Zauberchaos gehört doch immer dazu!“ Und schon wirbelt er weiter im Kreis, murmelt Sprüche, schnippt mit den Flügelspitzen und verzaubert versehentlich:

eine Kerze in eine schlummernde Schnecke

eine Sternenkarte in einen Schmetterling, der nur rückwärts fliegt

und sein eigenes Spiegelbild in einen tanzenden Pinguin mit Trompete

Er lacht schallend. „Ich glaub, ich hab noch nie so viel Quatsch in so kurzer Zeit gemacht – und das alles für die Erde!“ Dann, mit neuer Kraft und einem Hauch Glanz in den Augen, ruft er:


„Kinder der Erde, macht euch bereit! Der Zauberreis ist fast soweit!
Ich, Rumpi, der Rabe mit dem quietschenden Stiefel, rufe euch in die Sterne –
auf dass wir gemeinsam das neue Gewand der Erde weben!“

Die Mondin schaut auf die große Standuhr rechts an der Höhlenwand.Ihre Zeiger zittern leicht, als würden sie selbst spüren, wie ernst die Lage ist. Sie sieht zu Rumpi rüber. Mein lieber Rabe“, sagt sie mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme, „die Zeit des Zauderns ist vorbei. Es ist höchste Zeit, dass wir beginnen. Das neue Gewand kann nicht warten – die Erde braucht uns. Jetzt.“Ein leiser Glockenton erklingt, sanft, aber bestimmt, wie ein Weckruf aus den Tiefen des Kosmos. Rumpi schluckt, sein Gefieder sträubt sich kurz, dann nickt er ihr zu.
Ein Funke Entschlossenheit flackert in seinen Augen auf.Die Mondin hebt den Blick, ihre silbernen Augen leuchten warm im Schein der Höhlenlichter. Eine kleine Windbrise tanzt durch die Höhle, spielt neckisch mit den Fäden des zerfetzten Gewands, als wollte sie sagen:


„Na los jetzt, es ist an der Zeit.“

„Also hör gut zu, mein gefiederter Freund“, beginnt sie, während sie einen liebevollen Blick auf Rumpi wirft, der sich gerade das Gefieder zurechtzupft. „Flieg nun zum Eingang der Höhle, schnappe dir einen Schnabel voll Zauberreis aus dem großen Sack und mach dich bereit für deine wichtigste Mission überhaupt.“„Du wirst also zum Planeten Erde hinunterfliegen und die Kinder dort fragen, ob sie Lust haben, mit uns ein neues Gewand für die Erde zu weben. Sag ihnen, dass ich , die Mondin höchstpersönlich, sie zu einem spannend-wilden Abenteuerspiel einlade. Es ist kein gewöhnliches Spiel, nein, es ist ein Spiel mit Fantasie, das wieder Glanz in die Augen bringt. Wir nennen es:

Re:Generation – Die Kinder der neuen Erde oder Starseed OPs 

Sie schmunzelt, während sie mit dem Finger ein leuchtendes kleines Schiffchen in die Luft malt, das aus Sternenstaub besteht. „Oder Mission Glitzerplanet, ein Abenteuer für alle mutigen Kinder der Erde. In diesem Spiel gestalten wir Mutter Erde neu und helfen ihr, gesund zu werden. Wir verwandeln sie in eine lebendige, bunte und paradiesische Welt.
Die Kinder schmücken sie mit neuen Farben, mit Liedern, mit Lachen und mit ihrer eigenen Fantasie. Und wir – du und ich wir sind natürlich mittendrin. Wir weben gemeinsam mit ihnen, Faden für Faden, Traum für Traum, ein neues leuchtendes Gewand.“ Rumpi klappt begeistert die Flügel auf, aber die Mondin hebt sanft ihre Hand. „Moment noch! Ich glaube fest an dich, Rumpi, ganz fest. Du bist mutig, auch wenn du manchmal zweifelst. Erinnere dich daran, wie du einst den großen Wind gezähmt hast, als die Sterne durcheinander purzelten du hast sie damals wieder sortiert. Du schaffst das auch jetzt.“Sie wird ganz ernst:
„Flieg in alle sieben Kontinente, mein kluger Raben-Gefährte – von Asien bis Afrika,
von Nord- und Südamerika über Europa, Australien bis zur eisigen Antarktis. Lass keinen Ort aus, denn jedes mutige Kind zählt, jedes Herz ist ein Lichtpunkt im neuen Gewand. Flieg zur Familie der Nationen. Aller Nationen der Erde. Denn die Kinder dieser Welt ob mit Sand an den Füßen oder Schnee in den Haaren, ob sie in Zelten leben oder in hohen Häusern – sie alle werden gebraucht. Sie sind der Anfang vom Neuen. Sie sind die Weber des Lichts.“ Rumpis Augen funkeln nun wie zwei kleine Monde, doch die Mondin schmunzelt erneut: „Aber bevor du los flatterst wie ein aufgeregtes Glühwürmchen, vergiss nicht: Du brauchst Kraft. Stärke dich mit einer ordentlichen Portion Bohnensuppe mit extra Mondbohnen, versteht sich. Du wirst oft zwischen Himmel und Erde hin- und herfliegen müssen, und Bohnensuppe macht bekanntlich mutig und munter.“ Rumpi gluckst, rülpst beinahe vor Vorfreude, und seine Brust schwillt ein wenig vor Stolz. Die Mondin lächelt nun so weich, dass sogar die alten Steine der Höhle einen Moment lang heller schimmern. Rumpi flattert also schnurstracks zum Suppentopf, der hinten rechts am Ende der Höhle auf einem alten, rußgeschwärzten Gussherd vor sich hin blubbert. Mit einem zufriedenen Schnauben greift er zur großen Kelle, füllt seine Schale bis zum Rand und hält kurz inne. Der Duft von frischem Bohnenkraut steigt ihm in die Nase herzhaft, würzig, verheißungsvoll. „Mmmmh köööstlich!“, schmatzt er genüsslich, bevor der erste Löffel seinen Schnabel erreicht.
„Nicht zu süß und nicht zu bitter – das macht mich glatt zum Glücksritter!“
Er schlingt die Riesenschüssel Bohnensuppe in sich hinein. „Los jetzt“, drängt die Mondin.
„Öffne deine Flügel und nimm den Zauberreis. Die Welt wartet.“ Und Rumpi flattert zum Sack mit Reis – mit pochendem Herz, knisternden Federn und einem vollen Schnabel Reiskörner, die golden glitzern – bereit für das größte Abenteuer seines Lebens.

Kapitel 3 – Tag 1: Ankunft bei Jaro

Rumpi steht am Eingang der Höhle. Vor ihm liegt die silberne Weite des Universums.
Mit einem letzten Blick auf die funkelnde Rückseite des Mondes murmelt er: „Na dann … auf zur Erde. Abenteuer, ich komme!“ Seine kleinen Flügel beginnen zu schlagen, erst langsam, dann immer schneller, bis sie wie silberne Scheiben durch das All wirbeln. Sternenstaub tanzt um ihn herum, als ein leises Zisch! Ertönt. Mit einem Schwung schießt er in die Tiefen der Milchstraße. Je näher er dem blauen Planeten kommt, desto aufgeregter wird er. Es kribbelt in seinem Bauch. War das etwa … die Bohnensuppe? 

Ein Gluckern. Ein Blubbern.
Dann – ein gewaltiger Ruck.
PFFFRRRRRRRRT!

Ein intergalaktischer Megapups entweicht mit Donnerschall aus seinem Hinterteil und verwandelt Rumpi kurzerhand in einen Raketenraben. Ein leuchtender Schweif aus heißer Bohnenenergie zischt durch den Kosmos grünlich schimmernd, leise brummend und vor allem: Rasant. Jaaaahooo!“ ruft Rumpi begeistert, während ihm der Wind durch die Federn pfeift. Sterne fliegen wie glitzernde Pfeile an ihm vorbei. Ein Asteroidenfeld taucht auf – wusch! – Rumpi schlängelt sich hindurch wie ein echter Profi-Pilot. „Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen“, krächzt er stolz, „doch dieses war wohl ein Raketen-Böhnchen!“ Er wirft einen Blick auf sein eingebautes Tempomessgerät – ein aufgeklebter Taschenrechner mit Glitzerfolie. Die Anzeige blinkt wild: 1.345.901 Lichtbohnen pro Sekunde! „Meine Geschwindigkeit beträgt einige Milliönchen“, kichert er. „Ich bin der erste Pupsmotor-Vogel der Galaxie!“ Die Milchstraße leuchtet jetzt wie eine Lichterkette zum Weltallgeburtstag,
und Rumpi schießt hindurch wie ein glücklicher Komet. „Das ist besser als jede Achterbahn der Erde!“ ruft er. „Bauchkribbeln inklusive, Loopings gratis!“Mitten im Tempo-Rausch fliegt er an einem leuchtenden Schild vorbei, das zwischen zwei Sternschnuppen hängt und fröhlich blinkt: 

Achtung, Weltraumfahrer!
Bitte nicht pupsen beim Überholen.
Windkraft nur in Flugrichtung einsetzen.
Verstöße werden mit Sternenstaub bestreut.
– Eure galaktische Verkehrsaufsicht 

Ein kleiner Satellit kommt ihm bedrohlich nahe, doch Rumpi zieht elegant die Schnabelspitze ein und rollt sich seitlich ab. Ein echter Weltraumakrobat. „Ritter Rumpi, der Düsendrache“, flüstert er sich heldenhaft zu. „Oder war’s ein Düsenvogel? Egal die Erde ruft, und ich komme mit Windkraft!“ In weniger als einer Stunde durchquert Rumpi das letzte Stück der silbernen Lüfte Europas. Er segelt über Täler, Dörfer und bunte Felder hinweg, bis er schließlich in einem sanften Gleitflug auf dem Ast einer kräftigen Eiche landet. Die Blätter der Baumkrone rascheln leise im milden Wind, obwohl der Herbst schon an die Tür klopft. Noch trägt das Land das Kleid des Spätsommers – warm, weich und ein wenig goldbestäubt. Rumpi bleibt still auf seinem Ast sitzen.Seine Flügel zucken noch vom Flug, sein Schnabel ist voller Staunen. Unter ihm liegt die Erde. Lebendig. Träumend. Bin ich wirklich bereit?
Er blickt zum Himmel zurück, der langsam dunkler wird. „Ich bin nur ein Rabe“, denkt er.
„Ein kleiner, krächzender Rabe mit einem quietschenden Gummistiefel, Glitzerstaub im Gefieder und einer Vorliebe für Bohnensuppe.“ Er schaut auf seine Flügel, die noch zerzaust vom Flug sind. „Was, wenn die Kinder mich auslachen? Oder wenn sie gar keine Zeit haben, weil sie Mathehausaufgaben machen oder Serien schauen?“ Ein Windstoß streicht durch die Baumkrone. Ein Blatt löst sich und segelt tanzend an ihm vorbei, wie eine Erinnerung.Rumpi dreht den Kopf nach links, dann nach rechts. „Hmm …“, schnattert er leise, „das klingt nach … Deutsch! Ja, ganz bestimmt!“ Er lauscht den Stimmen, die vom nahegelegenen Garten herüberwehen. Sein Gefieder bauscht sich ein wenig vor Neugier, und er plustert sich auf wie ein Forscher, der eine neue Sprache entdeckt. In diesem Moment fällt sein Blick auf einen Jungen. Dort hinten, nahe dem Holzzaun, gräbt er mit ganzer Kraft ein tiefes Loch in die dunkle Erde. Der Spaten blitzt bei jedem Stoß gegen die Wurzeln, die sich ihm in den Weg stellen. Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn. Neben ihm lehnt ein junger Butterbirnenbaum, der geduldig auf seine neue Heimat wartet. Der Junge hat blondes, vom Sonnenlicht geküsstes Haar und kräftige Schultern. Seine Hände – rabenschwarz von Erde – erzählen von Fleiß und Tatkraft. Doch da ist mehr: ein Leuchten in seinen Augen, ein Lächeln, das sich wie Sonnenstrahlen durch das Laub tastet. Das Loch, das er gräbt, ist einen Meter breit und einen Meter tief. Die Erde ist schwer und feucht, jeder Spatenstich eine kleine Herausforderung, doch er gibt nicht auf. Er lässt den Spaten in den Boden sinken, lehnt sich zurück auf die Fersen und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Eine feine Staubschicht klebt an seinem Gesicht und den Armen, ein Orden der Mühe, in Erde geschrieben. „Puuuh. Das ist schon ziemlich kräftezehrend und mühselig“, murmelt er
und greift nach seiner Wasserflasche. Das kühle Nass rinnt seine Kehle hinunter wie ein kleiner Bach in der Mittagshitze. Einen Moment lang lässt er sich ins Gras fallen. Der Himmel über ihm ist tiefblau, ein paar Wolken ziehen gemächlich vorbei wie Gedanken, die noch keinen Ort gefunden haben. Der Baum liegt geduldig neben ihm. Als wüsste er: Alles Gute braucht seine Zeit.

Das ist Jaro.


Jaro, der mit beiden Händen das Leben anpackt. Der die Sprache der Bäume versteht und den Duft von Muttererde so liebt wie andere den von frischem Apfelkuchen. Er vergräbt die Hände noch einmal im lockeren Humus, lässt die feinen Krümel durch seine Finger rieseln. Rumpi neigt neugierig den Kopf. Er beobachtet Jaro lange. Ein deutsches Kinderlied taucht in seinem Kopf auf, wie aus dem Nebel gerufen: „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn,geh'n wir in den Garten, schütteln wir die Birn' …“Rumpi blinzelt. Jaro macht einfach. Ohne Zögern. Ohne Angst vor Dreck. Er wühlt in der Erde, als hätte er nie etwas anderes getan. Der Wind fährt durch die Blätter, doch Rumpi achtet kaum darauf. Er fragt sich, ob dieser Junge wohl ahnt, dass gerade mehr passiert als nur ein Baum, der eingepflanzt wird. Vielleicht ist das hier der Anfang von etwas Größerem. Rumpi denkt kurz nach. Dann spreizt er mit einem energischen Flaff! die glänzenden, pechschwarzen Flügel und schießt durch die Luft – direkt auf Jaro zu. Jaro zuckt zusammen. „Was macht der denn?!“ Ein Rabe, der auf ihn zufliegt wie ein Pfeil aus Schatten? Das hat er noch nie erlebt. Instinktiv hebt er die Arme – doch Rumpi bremst im letzten Moment ab. So abrupt, dass ein Windstoß Jaros Haare durcheinanderwirbelt. Der Rabe flattert jetzt direkt vor seinem Gesicht, keine zwei Handbreit entfernt – und schwebt einfach so in der Luft. Seine Augen, schwarz wie zwei nächtliche Teiche, funkeln geheimnisvoll. Dann passiert es. Ein Lichtstrahl, nein, mehrere schießen plötzlich aus Rumpis Augen, als wären sie aus purem Sternenlicht gewebt. Glitzernde Laserlinien, die sich vor Jaro zu einem Text zusammensetzen, mitten in der Luft. Leuchtend. Flimmernd. Magisch. Jaro hält den Atem an. Er liest: „Yo. Oder was geht? Ich bin Rumpi. Bote der Mondin. Wächter des Zauberreises. Träger alter Träume. Ich komme aus der Stille zwischen den Sternen, dort, wo die Mondin lebt. Ich wollte dich fragen, ob du Bock auf ein ganz besonderes Spiel hast. Das Spiel ist eine neue Dimension, so was wie Kinder-Next-Level. Wir weben ein neues Gewand für Gaja – für Mutter Erde. Die Mondin kriegt das nicht mehr alleine hin …tja, die ist nicht mehr die Jüngste. Ihre Kräfte schwinden, ihre Hände zittern. Jetzt bittet sie die Kinder der Welt um Hilfe. Und du könntest der Erste sein. Wie lautet dein Name, Menschenkind? Und darf ich erfahren, wie viele Sonnen du schon auf dieser Erde erlebt hast?“ Jaro blinzelt. „WAS?!“ Das Herz schlägt ihm bis in die Ohrläppchen.
Ein sprechender Rabe nein, ein leuchtender Rabe vom Mond! Und dann dieses Spiel? Ein Gewand für Gaja? Die Mondin braucht ihn, ihn! ...um die Erde neu zu kleiden? Er schaut Rumpi an, der nun auf seinem Kopf landet und ihn mit schiefgelegtem Kopf mustert. „Ich heiße Jaro. Nächsten Monat werde ich zwölf. Du … du bist echt, oder? Das ist kein Traum?“, flüstert Jaro. Rumpi sagt kein einziges Wort, nicht, weil er nicht will, sondern weil er nicht kann. Sein Schnabel ist voller Zauberreis, so fein wie Mondstaub. Bei jedem Flügelschlag klingt es, als würde jemand in der Ferne mit einem Löffel über Sternenporzellan streichen. Er öffnet den Schnabel einen winzigen Spalt, nur für einen Augenblick, und Jaro erkennt es: 

Der Reis schimmert.



 

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